Pumuckl und der Kirschlikör

Bußkatechese für behinderte Menschen – Ehrenamtliches Engagement von Alfred Koch

Von Hans-Joachim Stoehr (Quelle: Bonifatiusbote)

„Die Katechese ist für Betreute und Betreuer.“ Alfred Koch steht im Innern eines Stuhlkreises mit 60 Personen. Der frühere Caritas-Mitarbeiter bereitet Bewohner des Fuldaer Caritas-Wohnheims für Menschen mit geistiger Behinderung auf den Empfang des Bußsakraments vor.

Mit dabei sind die Betreuer der Menschen mit geistiger Behinderung. Koch kennt die Teilnehmer schon seit Jahren. „Jetzt kommt der Werner“, heißt Koch einen älteren Mann zur Katechese in der Aula des Wohnheims willkommen.

Bußkatechese
 
Unterweisung bereitet
auf Beichte vor

In der Mitte des Kreises steht ein Stuhl – darauf ein „Pumuckl“ aus Stoff und eine Flasche Kirschlikör. Der aus dem Fernsehen bekante Kobold steht im Zentrum der Katechese. Die religiöse Unterweisung bereitet auf die Feier vor, die später Pfarrer Willi Schmitt mit den Heimbewohnern begeht. Dann sind die Männer und Frauen auch eingeladen, das Bußsakrament zu empfangen.
„Ich verwende einfache Bilder, Symbole oder Geschichten, um den Heimbewohnern religiöse Inhalte nahezubringen, die sie dann auch verstehen können“, erklärt der ehrenamtliche Katechet. Bei einem Bußgottesdienst in einer Gemeinde würde es den Heimbewohnern schwer fallen, das Gesagte zu verstehen. Deshalb stößt hier die Inklusion, die Teilhabe behinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben, an Grenzen. „An sonntäglichen Gottesdiensten nehmen unsere Heimbewohner allerdings in den jeweiligen Heimatgemeinden teil“, erklärt Thomas Vogel. Der stellvertretende Leiter der Caritas-Wohnheime nimmt an der Bußkatechese in der Aula teil.
An diesem Morgen geht es um die Zehn Gebote. Was das mit dem eigenen Verhalten zu tun hat, erläutert Koch anhand der Geschichte von „Pumuckl und dem Kirschlikör“. Nach einer Einführung schaltet der Katechet den CD-Spieler ein. Die Stimmen von Meister Eder und seinem Kobold sind zu hören. Einige der Heimbewohner beginnen zu lachen, als sie die Stimmen der Schauspieler Hans Clarin und Gustl Bayrhammer über den Lautsprecher hören. Eine ältere Frau imitiert Clarins Worte so perfekt, dass es wie ein Echo klingt.
Schräg hinter dem Stuhl mit Pumuckl sitzt Sylvia Bender. „Sie hat die Pumuckl-Stoffpuppe zur Verfügung gestellt“, sagt Koch. Die Heimbewohnerin verdeut-licht durch Handbewegungen, was die Teilnehmer im Stuhlkreis über Lautsprecher hören.

Diebstahl und Lügen
eines Kobolds
Nach einer Weile schaltet Koch den CD-Spieler aus. Denn: Die lus-tige Geschichte vom Pumuckl ist zugleich ein Lehrstück. Trotz der Warnung von Meister Eder greift Pumuckl nach dem Kirschlikör, der ihm nicht gehört – Diebstahl. Um die Schluckauf-Geräusche des betrunkenen Kobolds zu vertuschen, muss Meister Eder „lügen“ – „das kommt von der Wasserleitung“.
Einige der Heimbewohner fangen immer wieder an, zu lachen. „Das ist so lustig“, sagt Bodo. Der frühere Journalist lebt seit einem schweren Unfall im Caritas-Wohnheim. Bei allem Spaß sind viele Heimbewohner konzentriert dabei. Das merkt Koch, als er fragt, worin eine Lüge des Pumuckl bestand und prompt einer die Antwort weiß. „Das ist einen Applaus wert“, freut sich der Katechet.
„Die Bewohner können sich gut in die Pumuckl-Geschichte hineinversetzen. Das haben sie schon selbst erlebt“, betont Koch zu seinem Vorgehen. Sie kennen Situationen, in denen zur Notlüge gegriffen wird, um etwas zu vertuschen.
Gegen Ende der Katechese meldet sich Manfred van den Brock zu Wort. „Er kommt wie ich aus dem Ruhrgebiet“, sagt der gebürtige Essener Koch. Der frühere Bergmann wendet den Blick auf Ostern. „Da singen wir Halleluja. Jesus lebt. Er ist unser Freund.“ Er erinnert an den Empfang des Bußsakraments vor einem Jahr bei Pfarrer Schmitt. „Da habe ich einen großen Stein auf meinem Herzen gehabt. Nach der Beichte, nach meiner Reue, war der Stein wie weggewälzt Als ich das Pfarrer Schmitt erzählt habe, hat er gestaunt“, sagt er. Van den Brock schaut den Katecheten an und fügt hinzu: „Alfred macht das hier nicht für sich, sondern für uns   alle.“   Die   beiden   Männer   umarmen sich.

Glaubensweisheit und Herzenswärme
Ein so klares Glaubensbekenntnis wie das von Manfred van den Brock habe ich selten gehört. So klar und tief wie ein Gebirgssee. Da wundert es mich nicht, dass Pfarrer Schmitt gestaunt hat. Ich habe es auch getan – dankbar gestaunt.
Aber nicht nur van den Brock faszinierte mich bei der Bußkatechese. Auch die Freundlichkeit des Heimbewohners, der sich interessiert neben mich setzte. Als ich aufstand, um zu fotografieren, legte ich den Schreibblock auf meinen Stuhl. Als ich wieder zurückkam, hatte er mein Schreibzeug schon vom Stuhl genommen, um es mir mit einem Lächeln zu reichen.
Diese Freundlichkeit und Spontaneität vieler geistig behinderter Menschen sind große Talente, die unsere Gesellschaft dringend braucht. Deshalb gehören sie in die Mitte der Gesellschaft. Übrigens: Mangelnde Herzenswärme und Freundlichkeit im täglichen Umgang       wird auch von manchen Mitbürgern aus südlichen Ländern   – etwa Afrika – hierzulande vermisst.
Keineswegs im Widerspruch dazu steht der Anspruch auf individuelle Förderung, wie sie jedem Mitglied der Gesellschaft zusteht. Ein Beispiel hierfür ist die Bußkatechese, die sich an den geistigen Fähigkeiten beziehungsweise orientiert.
Hans-Joachim Stoehr

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